Schwerter zu Pflugscharen Die Vision vom Frieden (zu Jes 2,1-5)

Schwerter zu Pflugscharen - das war vor 40 Jahren eines der gefährlichsten Worte der Bibel. Zumindest in der früheren DDR riskierte man dafür einen längeren Gefängnisaufenthalt, denn in einem System, in dem das Militär eine so entscheidende Rolle spielte, war für solche Friedensparolen wirklich kein Platz. Aber auch im Westen war dieses Wort nicht erwünscht. Ich selbst habe es damals manches mal erlebt, wie Jugendliche, die mit dem Anstecker „Schwerter zu Pflugscharen“ unterwegs waren, argwöhnisch beäugt und ihnen unterstellt wurde, Kommunist zu sein oder die Leistungsfähigkeit der Bundeswehr unterwandern zu wollen.

Dabei ist dieses Schlagwort „Schwerter zu Pflugscharen“ ein Wort, wie es im Buche, im Buche der Bibel nämlich steht. Es ist ein Wort, dass immer wieder Menschen aufhorchen ließ und begeisterte, ein Wort, das die zutiefst menschliche Sehnsucht nach Frieden auf den Punkt bringt. In einer großen Vision beschreibt der Prophet Jesaja, wie die Völker nach Jerusalem strömen, wie sie Gott erkennen und seine Wege suchen und gehen. Er beschreibt, wie sich die Menschen an Gottes Wort halten und jedes Gegeneinander, jeder Klein- und Großkrieg ein Ende hat.

Schwerter zu Pflugscharen, Kriegsgerät wird zum Werkzeug für das Leben, Abrüstung und Rüstungskonversion würde man heute dazu sagen: Panzer zu Traktoren, Raketen zu Werkbänken, Kasernen zu familienfreundlichen Stadtvierteln. Ist das nicht ein Gedanke und Wunsch in uns allen - gerade in diesen Tagen, die uns weiterhin ständig neu Bilder eines brutalen Krieges vor unserer Haustür vor Augen stellt, konfrontiert mit der Erwartung des Weihnachtsfestes, das für viele zuallererst ein Fest des Friedens bedeutet.

Und formuliert hier Jesaja nicht genau das, was in uns als eine ganz tiefe Sehnsucht da ist? Dass Menschen einander achten, dass sie auf einander hören und sehen, dass sie Gottes Wege gehen?

Realist zu sein ist eines, Wünsche und Visionen zu haben ist ein anderes. Ein großer Theologe sagte einmal im Blick auf die Kirche, dass ein Volk, das keine Visionen mehr hat, ein sterbendes Volk ist. Ebenso ist es auch im Miteinander der Völker – und mit jedem einzelnen von uns. Wenn ich kein Ziel, keine Vision mehr habe für mein Leben, ist der Tod schon mitten im Leben da. Wie oft habe ich das schon sehr konkret erleben müssen besonders bei Menschen, die aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind und nicht mehr wussten, wofür sie eigentlich lebten - wie da etwas in ihnen starb, wie sie sich aufgaben und oft genug tatsächlich nach wenigen Jahren zu Grabe getragen werden mussten.

Dasselbe aber gilt auch im Blick auf unsere Welt: Wenn wir aufgeben, an eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden zu glauben und wenn wir es aufgeben, dafür uns einzusetzen, dann hat unsere Welt tatsächlich keine Zukunft mehr.

Gerade deshalb ist diese Vision des Jesaja so wertvoll und entscheidend für unseren Blick nach vorne. Kinder haben noch große Ziele und Visionen, sie habenmmanches vor für ihr Leben - und das ist gut so, davon leben sie und davon lebenmwir alle! Und gerade als Kind ist das Leben im Blick - als ein Leben in Frieden, ein Leben in Würde, ein Leben in Gerechtigkeit. Lassen wir uns doch als Erwachsene von dieser Begeisterung immer wieder anstecken und mitreißen! Lassen wir uns anstecken und tragen wir unseren kleinen Teil dazu bei, dass die Vision keine Vision bleibt, sondern ein Stück Realität!

Ich wünsche uns allen, dass die Zeit des Advents uns neu mache, unsere Blicke hell, unseren Geist wach: Dass wir erkennen, dass Gott jeden Augenblick neu zu uns kommt und unter uns da ist und lebt - und dass in seiner Liebe Schwerter zu Pflugscharen, Panzer zu Traktoren und hart gewordene Herzen zu wahrem Frieden sich wandeln können.

Reinhold Walter